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junge Welt21.10.2000
Gegen Isolationshaft Türkische politische Gefangene begannen am Freitag unbefristeten Hungerstreik _________________________________________________________________
Mancher Alt-Kreuzberger konnte sich am Mittwoch abend in die 80er Jahre zurückversetzt fühlen. Die Häuserwände und Balkone um den Kottbusser Platz waren voller Transparente, auf denen in deutscher und türkischer Sprache zur Solidarität mit den politischen Gefangenen aufgefordert wurde. Mehr als 300 Menschen hatten sich dort zu einer Video-Kundgebung versammelt, zu der das Bündnis »18. Oktober«, in dem unter anderem die Rote Hilfe Berlin, die Gruppe »mücadele« und zahlreiche türkische Solidaritätsgruppen vertreten sind, aufgerufen hatte. Der Termin für die Aktion war bewußt gewählt. Schließlich jährte sich am 18.10. zum dreiundzwanzigsten Mal der Tag, an dem die drei RAF- Gefangenen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe im Isolationstrakt von Stuttgart-Stammheim unter bis heute ungeklärten Umständen ums Leben gekommen waren.
Eine Sprecherin des Bündnis 18. Oktober wies noch einmal auf das politische Klima im Sommer und Herbst 1977 hin. So wurde damals in den Massenmedien und auch von Politikern die Liquidation der RAF-Gefangenen offen diskutiert. Aus Briefen der Gefangenen wurden Textstellen zitiert, wo sie kategorisch ausschlossen, daß sie sich im Gefängnis selbst töten würden. Außerdem wurde auf die zahlreiche Widersprüche in der staatlichen Selbstmordversion hingewiesen. Aber den Veranstaltern ging es nicht um ein nostalgisches Gedenken. Der Publizist Victor Grossman erinnerte daran, daß trotz jahrelanger, weltweiter Proteste das Leben des afroamerikanischen Journalisten Mumia Abu-Jamal noch längst nicht gerettet ist. Erinnert wurde auch an den afroamerikanischen Aktivisten Zolo Agona Azania, der am 25. Oktober im US-Bundesstaat Indiana wegen Polizistenmordes hingerichtet werden soll.
Einen zentralen Schwerpunkt auf der Kundgebung nahm der Kampf gegen die drohende Einführung von Isolationsgefängnissen in der Türkei ein. Ein Kurzfilm machte einerseits die wachsende Solidarität mit den Forderungen der Gefangenen deutlich und zeigte andererseits die Brutalität der türkischen Sicherheitskräfte. Die Bilder mit den übel zugerichteten Leichen der im September 1999 beim Polizeiangriff auf das Gefängnis von Ulucanlar getöteten Gefangenen waren für viele Zuschauer schwer zu ertragen.
Mitglieder des Solidaritätsbündnisses mit den politischen Gefangenen (Detudak) berichteten über die Entschlossenheit der Gefangenen, sich mit allen Mitteln gegen die Überführung in die Isolationsknäste zu wehren. Daß es nicht bei Worten bleibt, zeigte die kurzfristig übermittelte Erklärung der politischen Gefangenen von DHKP-C (Revolutionäre Volksbefreiungspartei/Front) und der TKP(ML). Am gestrigen Freitag traten die Gefangenen in einen unbefristeten Hungerstreik. Zu ihren Forderungen gehört neben dem Verzicht auf die Isolationszellen die Rücknahme der Sicherheitsgesetze und die Abschaffung der Sondergerichte für politische Verfahren. Die türkischen Menschenrechtsorganisationen befürchten, daß es bald zu Todesfällen in türkischen Gefängnissen kommen könnte.
»Solidaritätsveranstaltungen wie am 18. 10. in Berlin machen nicht nur uns, sondern auch den kämpfenden Gefangenen Mut«, erklärte eine Detudak-Vertreterin. »Aber sie müßten an vielen Orten und nicht nur einmal im Jahr stattfinden.«
Peter Nowak |