|
junge Welt22.12.2000 Übergriffe in der Türkei wie im »Deutschen Herbst« 1977? jW sprach mit Murat Deniz und Ilse Schwipper von der Berliner Sektion des Komitees gegen die Isolationshaft (IKM) _________________________________________________________________
F: Nach dem Sturm auf türkischen Gefängnisse wird vom Ende des Hungerstreiks gesprochen. Haben die Gefangenen ihre Aktion tatsächlich abgebrochen?
M.D.: Davon kann gar keine Rede sein. Die Gefangenen setzen ihren Hungerstreik und ihr Todesfasten fort. Die in Krankenhäuser verlegten Gefangenen verweigern kategorisch die Zwangsernährung.
F: Über die Zahl der toten Gefangenen gibt es unterschiedliche Informationen. Wie ist die aktuelle Zahl?
M.D.: Es gibt mittlerweile über 30 tote Häftlinge in den Gefängnissen und die Zahl steigt weiter. Die militärischen Operationen in den Gefängnissen von Ümraniye und Canakkale dauern noch an. Dort haben die Gefangenen ihre Zellen verbarrikadiert. Wir befürchten auch, daß Gefangene in den Krankenhäusern ermordet werden. Zudem hat sich die gesundheitliche Situation bei vielen durch den langen Hungerstreik schon geschwächten Gefangenen durch den Angriff enorm verschlechtert.
F: Nach der Militäraktion wurden viele Gefangene bereits in Isolationszellen gezwungen. Wie viele sind es bisher?
M.D.: Nach den Erklärungen des türkischen Justizministers sind mehr als 500 Gefangene in die Isolationszellen verlegt worden. Genauere Zahlen haben wir noch nicht. Die Gefangenen setzen ihren Widerstand gegen diese Isolationszellen auch dort fort.
F: Gab es Proteste gegen die Militäraktion in der Türkei?
M.D.: Es gab militante Demonstrationen auf den Straßen fast aller türkischen Städte. Die Polizei hat die Protestierenden immer wieder angegriffen. Es gibt mehrmals 300 Festnahmen im ganzen Land. Auch Angehörige im Hungerstreik wurden von der Polizei angegriffen. Trotzdem geht der Widerstand weiter. Angehörige setzen auf dem Taksim-Platz in Istanbul ihr Todesfasten fort. Es gab am Dienstag auch einen militanten Angriff auf den Sitz der faschistischen Regierungspartei MHP, bei der einer der Faschisten getötet und drei weitere verletzt wurden.
F: Wie soll auf europäischer Ebene von seiten der Solidaritätsbewegung auf die Erstürmung der Gefängnisse reagiert werden?
M.D.: In den letzten Tagen gab es in vielen Städten Europas Protestaktionen vor türkischen Botschaften und Konsulaten. Zahlreiche türkische Zeitungen und Banken wurden besetzt. Auch in Brüssel fand am Mittwoch eine Demo mit Teilnehmern aus vielen Ländern statt.
F: Frau Schwipper, Sie gehören zu den deutschen Linken, die sich mit den Gefangenen in der Türkei solidarisieren. Was ist Ihre Motivation?
I.S.: Ich war Anfang November Delegierte auf einem von der Angehörigenorganisation Tayad in Istanbul organisierten Kongreß über die Zukunft der Gefängnisse. Dort habe ich über die Entwicklung von Hochsicherheitsgefängnissen berichtet, weil ich selber über sechs Jahre diesen Haftbedingungen als politische Gefangene in der BRD unterlag. Daher solidarisiere ich mich selbstverständlich mit den türkischen Gefangenen. Ich finde es erschütternd, daß von den anderen ehemaligen politischen Gefangenen in der BRD zur Einführung der »Weißen Folter« in der Türkei kaum Reaktionen kommen.
F: Die türkische Regierung begründete den Angriff auf die Gefangenen damit, daß sie durch die Zwangsernährung vor dem Hungertod bewahrt werden müßten. Können Sie das nachvollziehen?
I.S.: Zwangsernährung, das wird schon im Namen deutlich, ist pure Repression. Sie dient keinen humanitären Gründen. Der RAF-Gefangene Holger Meins wurde mittels Zwangsernährung durch zu geringe Kalorienzufuhr dem stillen Tod übergeben. Oder es finden »Unfälle » statt, wie bei dem politischen Gefangenen Sigurd Debus, der bei der Zwangsernährung umkam.
F: Erinnern Sie die aktuellen Ereignisse in der Türkei an den »Deutschen Herbst 1977«?
I.S.: Nur bedingt. Es ging bzw. geht in beiden Fällen um die Einführung von Isolationsgefängnissen und die Weiße Folter. Wenn die Gefangenen nicht freiwillig aufgeben, sollen sie bis zur Vernichtung dazu gezwungen werden. Andererseits stellen die Massaker in der Türkei eine weitaus brutaleres Vorgehen dar als das, was 1977 in Stammheim passierte.
Interview: Peter Nowak |