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junge Welt 23.10.2000
Nehmen rechte Gruppen auf Hochschulpolitik Einfluß? jW sprach mit Martin Dolzer, Pressereferent des linken »freien zusammenschlusses der studentenschaften« (fzs) _________________________________________________________________
Rechtskonservative Burschenschaften waren bislang weitgehend isoliert. Mit der Gründung des Bundesverbandes von Studierendenschaften (BVS) in der vergangenen Woche in Köln versuchen rechte Gruppen, Einfluß auf die Hochschulen zu nehmen
F: In Köln hat sich vor wenigen Tagen ein »Bundesverband der Studierendenschaften« (BVS) gegründet. Wer steckt dahinter?
Der Verband wurde von vier vom RCDS - dem Ring christlich-demokratischer Studenten - dominierten ASten gegründet. Die Forderung des fzs nach einer emanzipatorischen Wissenschaftsentwicklung wird vom BVS nicht geteilt. Statt die gesamtgesellschaftliche Analyse zur Grundlage studentischer Politik zu machen, soll sich im neuen Verband nur auf Hochschulinterna konzentriert werden. Dabei werden die Wechselwirkungen zwischen Hochschule und Gesellschaft völlig ausgeblendet.
F: Könnte dem fzs durch den BVS von rechts Konkurrenz drohen?
Diese Gefahr sehe ich nicht. Die Strömungsverbände LIRA (Bündnis linke und radikaldemokratische Studentengruppen), BGAHG (Bündnis grünalternativer Hochschulgruppen) und der Juso-Bundesvorstand haben dem BVS eine klare Absage erteilt. Für Studentenschaften mit emanzipatorisch orientierten Vertretungen ist ein Verband wie der BVS sicher keine Alternative.
F: Welchen Stellenwert hat der fzs noch in der Studentenschaft?
In der momentanen hochschulpolitischen Situation, in der eine zugespitzte Auseinandersetzung um die Landeshochschulgesetze und die mit ihnen verbundene Deregulierung und Entdemokratisierung der Wissenschaftsabläufe stattfindet, ist der fzs eine wesentliche Kraft der bundesweiten studentischen Interessenvertretung. Um einer Durchrationalisierung und Verwirtschaftlichung von Bildung entgegenzuwirken, gilt es, sich überregional zu vernetzen. Um u. a. das zu realisieren, sind wir Dachverband und als solcher auch anerkannt.
F: Viele Studierende kritisieren, die Pro-Kopf-Abgabe an den fzs sei zu hoch.
Der fzs kostet die Studentenschaften 95 Pfennig pro Person. Um eine sinnvolle und funktionierende Arbeitsstruktur zu realisieren, ist das nahezu das Minimum. Wir wollen aber auf unserer nächsten Mitgliederversammlung eine Reformkommission ins Leben rufen, die hauptsächlich zu dieser Thematik wie auch zur Frage der Repräsentanz der einzelnen Studentenschaften Konzepte entwickeln soll, wenn das gewollt ist.
F: Fehlt dem fzs angesichts der Entpolitisierung nicht die Basis?
Die Gründe für die Entpolitisierung der Hochschullandschaft lassen sich nur im gesamtgesellschaftlichen Kontext finden und erklären. Der Staat zieht sich immer mehr aus der Definition, Finanzierung und Regulierung von Wissenschaftsabläufen zurück. Interessenvertreter der Industrie, in Verbindung mit neoliberalen »think-tanks« wie dem Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) der Bertelsmann-Stiftung befördern das Zweckdenken in der Bildungspolitik. Karriere und Verwertbarkeitsorientierung der Studierenden werden von ihnen als Richtlinien transportiert. Der fzs sieht Bildung demgegenüber als festzuschreibendes Grundrecht, welches kostenlos und ohne jegliche Form der Selektion allgemein zugänglich sein sollte. Es wäre schön, Menschen durch ein Studium dazu zu befähigen, ihren Verstand kritisch und Selbstbewußt einsetzen zu können. Wir wirken der neoliberalen Zurichtung der Hochschulen und der Gesellschaft entgegen. Um das zu realisieren, fordern wir alle Studentenschaften auf, sich stärker als bis jetzt an einer Vernetzung im Rahmen des fzs zu organisieren. Wir denken, es ist nötig und sinnvoll, breite Bündnisse innerhalb der Hochschulen zu organisieren. Auf unserer Mitgliederversammlung vom 8. bis 11. November in Hamburg werden wir u. a. Konzepte gegen die angesprochene Entdemokratisierung der Hochschulen diskutieren.
Interview: Peter Nowak |