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Neuen Deutschland am 9.12.00Rechtsrum auf dem Campus >· Statt linken, gesellschaftskritischen Gedanken nimmt auch an den Hochschulen die Zahl rechtskonservativer Ansichten zu > >Schon lange dürfte sich herumgesprochen haben, dass die Zeiten vorbei sind, in denen Studenten als links oder zumindest als gesellschaftskritisch galten. Im Gegenteil: die Zahl der Studierenden mit nationalkonservativen und rassistischen Ansichten ist in den letzten fünf Jahren deutlich gewachsen. Das zumindest ist das Ergebnis einer Studie, das die Arbeitsgruppe Hochschulforschung an der Universität Konstanz Ende Oktober der Öffentlichkeit vorstellte. Während sich an ostdeutschen Hochschulen acht % der Kommilitonen als rechts-konservativ einordnen, sind es in der ehemaligen BRD knapp vier Prozent, erläuterte der an der Studie beteiligte Soziologe Tino Bargel die Details der Erhebungen. Auch das Umfeld ist für die Rechten günstiger geworden. So sei die Zahl der Kommilitonen erheblich gestiegen, die zwar selber die rechten Meinungen nicht teilten, aber tolerierten. Ein Phänomen, dass bis Mitte der 80er Jahre an westdeutschen Hochschulen für linke Einstellungen seine Gültigkeit hatte. Das bedeutete damals, dass der Campus weitgehend ein Schutzraum für Nichtdeutsche und Nichtangepaßte war. Das sich das Klima gewandelt hatte, war allerdings schon länger bekannt. So startete eine Forschungsgruppe auf dem Campus der Universität Münster 1994 ein bezeichnendes Experiment. Vor der Mensa wurde eine Schleuse mit getrennten Eingängen für deutsche und nichtdeutsche Studierende aufgebaut. Ein Großteil der Kommilitonen leistete dieser Aufforderung zur praktizierten Apartheid umstandslos Folge. Manche waren sichtlich irritiert, nur eine kleine Minderheit protestierte. "Sicherlich wäre etwas Vergleichbares in den 70er Jahren nicht möglich gewesen. Das Bemerkenswerte an solchen Beispielen ist, wie sehr im Alltag das, was scheinbar normal und selbstverständlich daherkommt, auf Akzeptanz stößt" meint der wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Sozialforschung in Frankfurt/Main Alex Demirovic in einem Interview mit der Berliner Zeitung. > Demirovic hatte zusammen mit dem Sozialwissenschaftler Gerd Paul im Jahr 1994 ebenfalls eine Studie über das politische Verhalten der Studierenden herausgegeben, die damals in der Öffentlichkeit wie ein Paukenschlag gewirkt hat. Die Frankfurter Forscher hatten 3000 Studierende an verschiedenen hessischen Hochschulen nach ihren politischen Präferenzen gefragt und sind dabei zu erstaunlichen Ergebnissen gekommen. Danach haben sich 44% der Befragten für die unverzügliche Abschiebung von straffällig gewordenen Flüchtlingen ausgesprochen, 28 % sahen in Streiks und Demonstrationen eine Störung des Gemeinwohls. Besonders stark waren diese antidemokratischen Einstellungen bei männlichen Studenten aus wohlhabenden Elternhäusern mit starker karriererbetonter Lebensplanung anzutreffen. Diese Karriererewünsche sind nach Meinung Demirovic dafür verantwortlich, dass eine dezidiert rechte Einstellung momentan nicht zwangsläufig mit einer Aktivität in einer rechten Hochschulgruppe verbunden ist. Selbst die Burschenschaften alten Stils haben an Einfluss verloren. "Im Unterschied etwa zu den 20er Jahren ist es heute nicht möglich, als erklärter Rassist und Antisemit einen lukrativen Posten in der Wirtschaft zu bekommen. So bleibt es bei verdeckten rassistischen nationalistischen, rassistischen und antisemitischen Andeutungen" meint der Sozialforscher gegenüber ND. > Obwohl es zwischen der Frankfurter und der Konstanzer Studie methodische Unterschiede gibt, ist das Fazit ähnlich. "Ihre Untersuchungsergebnisse bestätigten unsere eigenen Prognosen, dass die Verbindlichkeit demokratischer Grundprinzipien unter Studierenden im Schwinden begriffen ist und die soziale Kälte, der Überlebenswille auch auf Kosten anderer zunimmt. Darin sind häufig rassistische und nationalistische Orientierungen eingelagert" meint Demirovic. Er warnt davor, diese Einstellungen als Momentaufnahmen zu betrachten. "Das sind sehr grundlegende Orientierungen, die nicht so schnell wieder verschwinden werden." > Dafür sorgt auch der bildungspoltische Paradigmenwechsel, den alle grossen Parteien spätestens seit Mitte der 80er Jahre nachvollzogen haben. Statt Chancengleichheit heißen die Stichworte heute Begabten- und Eliteförderung. "Die zunehmende Akzeptanz des Sozialbiologismus hat ihre Ursache vor allem in der neoliberal-technokratischen Ideologie meint der hochschulpolitische Experte des Bund demokratischer Wissenschaftler (BdWi) Torsten Bultmann gegenüber ND. Ein Befund dem auch Demirovic zustimmt ohne hier einen kausalen Zusammenhang herstellen zu wollen. "In den 60er und 70er Jahren lauteten die Bildungsparadigmen Selbsterkenntnis der Wissenschaft und Hinführung zu solidarischen Handeln in der Gesellschaft. Heute geht auch an den Hochschulen um Elitenförderung, Menschenführung und -lenkung." > Peter Nowak |