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:Neues Deutschland 1.11.01Kritik am Krieg wird kriminalisiert Bernhard Nolz darf in Siegen nicht mehr unterrichten
Der friedenspolitisch engagierte Siegener Lehrer Bernhard Nolz wurde wegen einer pazifistischen Rede auf einer Schülerdemonstration auf unbegrenzte Zeit vom Unterricht suspendiert. ND befragte ihn nach den Hintergründen.
ND: Sie dürfen an der Siegener Bertha-von Suttner-Gesamtschule nicht mehr unterrichten. Was wird Ihnen konkret vorgeworfen?
Dass ich mit meiner Rede am 17. September auf einer Schülerkundgebung nicht die ausreichende politische Zurückhaltung gezeigt habe, die von einem Beamten innerhalb und außerhalb des Dienstes erwartet wird. Außerdem hätte ich den Schulfrieden gestört, indem ich eine Absprache mit Schülern nicht einhielt.
ND: Neben Ihrer Person sind auch friedenspolitische Einrichtungen, in denen Sie mitarbeiten, von den Sanktionen betroffen. Wie sehen die aus?
Ich bin zum einen Bundesvorsitzender der Initiative »Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden«, die seit 20 Jahren in der Friedensbewegung engagiert sind. Zum anderen bin ich Geschäftsführer des Siegener Zentrums für Friedenskultur (ZFK). Das ZFK ist eine Einrichtung der seit 20 Jahren als gemeinnützig anerkannten »Gesellschaft für Friedenserziehung e.V.« Ohne Begründung – nur auf Grund meiner Rede – hat beispielsweise die Stadt Siegen die Zusammenarbeit mit dem ZFK eingestellt. Es wurden vertraglich vereinbarte Veranstaltungen im ZFK abgesagt.
ND: Sogar Staatsschutz und Staatsanwaltschaft ermitteln gegen Sie. Gegen welche Gesetze sollen Sie mit Ihrer Rede verstoßen haben?
Ein Aspekt dürfte die von der »Siegener Zeitung« und von anderen in die Welt gesetzte Behauptung sein, ich hätte zur Wehrdienstverweigerung aufgerufen, was möglicherweise strafbar ist. Ich habe aber die Wehrpflichtigen zur Kriegsdienstverweigerung aufgerufen, zur Wahrnehmung eines Grundrechtes.
ND: Sehen Sie diese Maßnahmen im Kontext der Gesetzesverschärfungen, die zur Zeit diskutiert werden?
Es wird ein Klima erzeugt, in dem Kritik am Krieg unerwünscht ist. Dadurch entstehen Ängste und Hysterien, die die Notwendigkeit für weitere Einschränkungen von Bürgerfreiheiten begründen können. Das Recht auf freie Meinungsäußerung ist aber in einer Kommunikationsgesellschaft ein grundlegender Bestandteil der Demokratie. In der Lokalen Agenda 21 haben sich zum Beispiel alle Staaten verpflichtet, Bürgerbeteiligung und Partizipation auszubauen. Mit einem aus NRW-Landesmitteln geförderten ZFK-Projekt zur Demokratie- und Friedenskultur werden basisorientierte Formen erprobt. Das Rede- und Arbeitsverbot für mich als Lehrer ist unter diesen Aspekten nur schwer erträglich.
ND: Welche Reaktionen gab es von Seiten der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sowie Schülern und Eltern auf ihre Suspendierung und von wem gab es Solidarität?
Es gab eine unterstützende Presserklärung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) – Bundes- und Landesverband Nordrhein-Westfalen. Aus ganz Deutschland erreichen den Regierungspräsidenten in Arnsberg, die Bertha-von-Suttner-Gesamtschule Siegen, das ZFK und mich persönlich viele Solidaritätsadressen. Bei den veröffentlichten Leserbriefen in den Siegener Zeitungen überwiegen bei Weitem die Unterstützer für mich und meine politische Haltung. Vieles deutet darauf hin, dass Eltern, Lehrer und Schüler aus Angst vor ähnlichen Folgen schweigen.
Interview: Peter Nowak (ND 01.11.01) |