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junge Welt25.04.2001Ignoranz läßt verzweifeln Türkische Menschenrechtler in Stuttgart festgenommen _________________________________________________________________
Sie wollten am vergangenen Freitag nur eine Protestresolution beim Stuttgarter SPD-Büro abgeben. Doch seitdem sitzen 19 türkische Menschenrechtler in Haft. Drei wurden mittlerweile freigelassen, weil sie noch minderjährig sind. 23 Wohnungen durchsuchte die Polizei in Stuttgart und Umgebung. »Sie verhafteten auch willkürlich alle Passanten, die angeblich vor dem SPD-Gebäude die Besetzer unterstützten«, heißt es in einer Presseerklärung der Föderation der Arbeitsimmigranten (AGIF). Noch bis zum kommenden Freitag werden die türkischen Aktivisten nach Einschätzung ihrer Anwälte in Haft bleiben. Dann könnten Schnellverfahren wegen Nötigung und Landfriedensbruch folgen.
Diese Repressionswelle gegen Solidaritätsaktionen in Stuttgart mit den todesfastenden Gefangenen in der Türkei ist zur Zeit eher untypisch. Gewöhnlich gehen die in den letzten Tagen in allen Teilen der BRD zunehmenden kurzzeitigen Protest-Besetzungen von Parteibüros der SPD und der Grünen friedlich über die Bühne, Pressekonferenzen werden in den Parteiräumen einberufen. In Hamburg konnte anläßlich eines Besuchs im Grünen-Parteibüro am Montag eine Delegation mit einem Mitarbeiter von Außenminister Joseph Fischer sprechen. Der allerdings wies auf den Wert von stiller Diplomatie hin und bestätigte, was Gegner der türkischen F- Typ-Zellen schon lange sagen. Diese Isolationszellen, die die bisherigen Großzellen ablösen sollen, entsprechen dem EU- Standard. Politische Gefangene sind hier aber auch massiver unter Druck zu setzen.
In einer Presseerklärung machte das Komitee gegen Isolationshaft (IKM) die Bundesregierung mit für die Zustände in den türkischen Gefängnissen verantwortlich. »So weigerte sich der sogenannte Menschenrechtsausschuß des Bundestages, Vertreter einer türkischen Menschenrechtsorganisation überhaupt zu empfangen. Angehörigen der politischen Gefangenen in der Türkei wurden vom deutschen Generalkonsulat in Istanbul die Einreisevisa verweigert. Sie wollten auf Veranstaltungen über die Situation ihrer Söhne und Töchter in den türkischen Gefängnissen berichten«, heißt es in dem Schreiben. Gleichzeitig wurden in den letzten Wochen hohe türkische Regierungsvertreter zu Staatsbesuchen nach Deutschland eingeladen. Der Justizminister erhielt im Februar sogar die Gelegenheit, die Justizvollzugsanstalt Tegel zu besuchen.
Auch die Ignoranz großer Teile der deutschen Linken gegenüber der Situation in der Türkei ist für viele türkische Menschenrechtsgruppen nicht nachvollziehbar. »Wir verstehen nicht, warum sich so viele Menschen hier Antifaschisten nennen und doch Linken, die unter faschistischen Verhältnissen leben und kämpfen, so verständnislos gegenüberstehen«, meinte Selda Demiz von einer Berliner Gefangeneninitative. Das von verschiedenen linken türkischen Organisationen gegründete Menschenrechtsbündnis Detudak hat in den vergangenen Monaten regelmäßig Solidaritätsdemonstrationen mit den hungerstreikenden Gefangenen in Berlin organisiert. Die solidarischen deutschen Linken vor Ort waren dabei meistens an einer Hand abzuzählen.
Eine Situation, die auch zu Verzweiflungstaten von türkischen Menschen führen kann. So übergoß sich am Freitag abend ein 37jähriger Mann vor dem Regensburger Justizgebäude mit Benzin und zündete sich an. Der Mann hielt ein Schild mit der Parole: »Stoppt die Massaker in türkischen Gefängnissen«. Ein zufällig vorbeikommender Taxifahrer löschte die Flammen mit einer Decke. Trotzdem befindet sich der Mann, der Angehörige unter den Todesfastenden hat, weiterhin in Lebensgefahr. Bisher ein Einzelfall, doch die Zahl der Todesfälle in den türkischen Gefängnissen erhöht sich täglich, die Verzweiflung wächst.
Peter Nowak |