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Frankfurter Rundschau vom 14.8.02Liberal-islamische Stunden Aleviten in Berlin verantworten eigenen Religionsunterricht
Von Peter Nowak
In Berlin dürfen Aleviten erstmals in Deutschland in staatlichen Schulen eigenen islamischen Religionsunterricht erteilen.
BERLIN. Ab Ende August kann der Kulturverein Anatolischer Aleviten an Berliner Schulen Religionsunterricht erteilen. Bildungssenator Klaus Böger (SPD) hat dem zugestimmt. Nach Angaben der Senatsverwaltung wird der Unterricht zunächst an zehn Berliner Grundschulen angeboten - in Stadtteilen mit hohem türkischen Bevölkerungsanteil wie Kreuzberg, Neukölln und Charlottenburg, aber auch im Bezirk Mitte, wo der Anteil türkischer Schüler relativ gering ist. Es wird damit gerechnet, dass zunächst 200 Schülerinnen und Schüler den Unterricht besuchen.
Das Kulturzentrum Anatolischer Aleviten hatte im März 2000 einen Antrag auf Unterricht gestellt und einen detaillierten Lehrplanentwurf vorgelegt. Der stimme mit den Bildungszielen der Berliner Schulen überein, stellte die Senatsschulverwaltung nunmehr nach eingehender Prüfung fest.
Bisher ist das Privileg des islamischen Religionsunterrichts der Islamistischen Föderation Berlin vorbehalten. Sie hatte sich die Unterrichts-Autonomie in jahrelangen Auseinandersetzungen juristisch erkämpft und bietet seit einigen Monaten Untericht an einigen Berliner Regelschulen an. Doch diese Organisation ist sehr umstritten. Ihr wird vorgeworfen, Tarnorganisation der extremistischen Organisation Milli Görüs zu sein. Der Vorstand der Islamistischen Föderation weist dies strikt zurück.
Auch die Berliner Aleviten teilen die Kritik an der Islamistischen Föderation. Ein Sprecher warf ihr demokratiefeindliche und eine ausschließlich orthodoxe Islam-Auslegung vor. Deshalb hat das Alevitische Kulturzentrum auch vehement einen Vorschlag der Berliner Schulbehörden zurückgewiesen, der eine Kooperation zwischen den alevitischen und den übrigen islamischen Vereinen vorsah.
In der Türkei pflegen die Aleviten eine äußerst liberale Auslegung der religiösen Regeln. Politisch gehören sie mehrheitlich dem liberalen und linken Spektrum an. Daher ist es nach Meinung von Islamexperten nicht als Lippenbekenntnis zu bewerten, wenn die Erziehung zu Freundschaft, Toleranz, Gleichheit von Mann und Frau, Koedukation und der interreligiöse Dialog zu den Bildungszielen des Rahmenplans zählen.
Kritisiert wird hingegen, dass Politiker und Behörden die Bemühungen dieser demokratischen Islam-Variante nicht deutlicher unterstützt haben.
Für den Alevitischen Verein Berlin ist die lange erwartete Erlaubnis, Religionsunterricht zu halten, ein wichtiger Durchbruch. Erstmals wird damit das Alevitentum als eigenständige Glaubenslehre anerkannt. Jetzt rechnet die Gruppierung damit, dass die Berliner Entscheidung auch in anderen Bundesländern Schule macht. |