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Telepolis vom 20.11.02Das letzte Wort haben die Generäle
Peter Nowak
Die neue türkische Regierungspartei will als CDU der Türkei in die Geschichte eingehen
Auch mehr als zwei Wochen nach ihrem fulminanten Wahlsieg rätseln Kommentatoren noch immer, ob sie die neue türkische Regierungspartei AKP nun als islamistisch oder gemäßigt islamisch bezeichnen sollen. Ihr unumstrittene Parteivorsitzende [1]Recep Tayyip Erdogan zumindest will davon nichts wissen. Er sieht seine Partei in den Fußstapfen der westdeutschen CDU mit prokapitalistischer Orientierung und religiösen Werten.
Das sieht auch die türkische Wirtschaft ähnlich. Sie reagierte sehr gelassen auf den haushohen AKP-Wahlsieg am 3.November. Dafür überboten sich die türkischen Medien in den Tagen nach der Wahl in Superlativen. "Revolution an der Wahlurne" oder "Ganze Politikergeneration weggefegt" lauteten die Schlagzeilen.
Tatsächlich sind die drei langjährigen Regierungsparteien an der Wahlurne zu Splitterparteien mutiert. Auch ein Großteil der Oppositionsparteien ist nicht mehr im türkischen Parlament vertreten. Dafür sorgten die allmächtigen türkischen Generäle, die auf eine 10%-Hürde bestanden, um eine parlamentarische Vertretung der kurdischen Minderheit zu verhindern. Das gelang auch bei dieser Wahl wieder. Die [2]DEHAP, ein Zusammenschluss der vom Verbot bedrohten prokurdischen Hadep mit zwei kleinen linkssozialdemokratischen Parteien, verpasste mit knapp 7% klar den Einzug ins Parlament.
Nach britischem Vorbild gibt es im neuen Parlament nur zwei Parteien: die sozialdemokratisch orientierte CHP, die sich mit dem IWF-Vertrauensmann Kemal Derwisch eindeutig zur neoliberalen Wirtschaftspolitik bekannt hat, und die AKP, der viele Beobachter die Wandlung zur konservativen Partei europäischen Stils nicht so recht glauben wollen. Schließlich kommt das Führungspersonal der Partei aus dem militant-islamistischen Umfeld von [3]Milli Görüs. Der Parteivorsitzende Erdogan verbüßte wegen des öffentlichen Rezitierens islamistischer Verse sogar eine mehrmonatige Gefängnisstrafe. Deshalb war es ihm verwehrt, bei den Wahlen ein Abgeordnetenmandat zu erringen, und konnte auch nicht Regierungschef werden. Zumindest solange, bis die entsprechende Regelung im neuen Parlament außer Kraft gesetzt wird und Erdogan sich einer Nachwahl stellen kann.
Bis dahin soll Abdullah Gül als sein Statthalter das Amt des türkischen Premierministers [4]ausüben. Der sich heute als konservativer Wirtschaftsfachmann gebende Gül war Pressesprecher und enger Gefolgsmann des ersten türkischen Ministerpräsidenten Necmettin Erbacan, der nach knapp einjähriger Regierungszeit vom Militär aus dem Amt [5]gedrängt wurde. Kurz danach wurde die islamistische Wohlfahrtspartei verboten. Das gleiche Schicksal widerfuhr nur wenige Jahre später auch der Tugendpartei. Das wollen die AKP-Politiker unter allen Umständen vermeiden. Deshalb betonen alle führenden Politiker ständig, dass sie die Religion als Privatsache betrachten, den Weg in die Europäische Union mit besonderem Elan gehen und einem US- Angriff auf den Irak von türkischem Territorium aus nicht im Wege stehen wollen.
Die EU-Begeisterung der AKP hat ähnlich wie bei den prokurdischen Parteien durchaus eigennützige Gründe. Schließlich erhoffen sie sich über den Umweg der EU die Garantierung von Rechten, die es in der türkischen Innenpolitik nicht gibt. So ist es Frauen in der Türkei verboten, in der Öffentlichkeit mit Kopftuch aufzutreten. Doch nach den Wahlen hat sich die EU-interne Ablehnungsfront gegen einen schnellen EU-Beitritt in seltener Deutlichkeit formiert. Sie reicht vom französischen Ex-Präsidenten Girac bis zu Stoiber und speist sich aus einer Gemengelage aus Wohlstandschauvinismus und Verteidigung des christlichen Abendland. Der Wahlsieg der AKP spielt dabei keine große Rolle.
Führende türkische Militärs favorisieren schon länger exklusive Sonderbeziehungen zu den USA vor einer mit Bedingungen verbundenen EU-Mitgliedschaft. Schon vor Monaten haben die türkische Generäle an den Politikern vorbei ihren US-Kollegen Zustimmung zu einen Angriff gegen den Irak signalisiert. Auch eine islamistisch geprägte Regierung kann diese Entscheidungen nur abnicken. So lange diese Rollenverteilung gewahrt bleibt, können die Generäle auch akzeptieren, dass ein Politiker der ihnen suspekten AKP unter ihnen Ministerpräsident wird.
Links
[1] http://www.rterdogan.com/ [2] http://www.dehap.tk/ [3] http://www.istanbulpost.net/02/09/01/islam.htm [4] http://ftd.de/pw/eu/1037545553520.html?nv=hpm [5] http://www.turkinfo.de/2002/d/d2002_1841.htm |