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TELEPOLIS 25.01.2002Weltstadt ohne Herz?
Peter Nowak
Presse und Politiker in München bereiten sich auf die Proteste gegen die Konferenz für Sicherheitspolitik in der nächsten Woche vor
Ausgerechnet im beschaulichen München übt sich die Lokalpresse derzeit in Panikmache. Bürgerkriegsähnliche Zustände wie im Sommer letzten Jahres in Genua werden heraufbeschworen, wenn vom 1 bis 3. Februar die [1]Konferenz für Sicherheitspolitik in der bayerischen Metropole tagt.
30 Außen- und Verteidigungsminister aller Nato- und EU-Staaten werden ebenso daran teilnehmen wie hochkarätige Generäle und Rüstungsexperten aus aller Welt. Auch Delegationen aus Russland und China haben sich angesagt. Offizielle Organisatorin der Tagung ist die [2]Herbert Quandt-Stiftung, die diese Konferenz schon seit fast vier Jahrzehnten in München veranstaltet. Erst in den letzten Jahren wurde sie Ziel von Protesten, die allerdings marginal blieben. Erst in diesem Jahr ruft ein [3]Bündnis von mehr als 100 Organisationen aus ganz Europa zum Widerstand gegen die Münchner Sicherheitskonferenz auf.
Die Gründe für das plötzliche Interesse der Protestszene an der Münchner Tagung sind vielfältig. Einige Gruppen wollen an die Erfolge der Antiglobalisierungsbewegung anknüpfen und ziehen eine [4]Parallele von Genua bis München. Für Andere hat die Frage Krieg oder Frieden nach den Anschlägen vom 11.September und der Reaktion aus Washington eine ganz neue Bedeutung bekommen. Auch die Verlegung des [5]Welt Economic Forum aus dem Schweizerischen Davos nach New York stärkte die Protestszene in München. Jahrelang mobilisierten Globalisierungskritiker aus der Schweiz und Süddeutschland Ende Januar zum Protest ins beschauliche Davos. Jetzt wollen auch sie sich an den Protesten gegen die Münchner Sicherheitskonferenz beteiligen.
Ob alle, die es wollen, wirklich die Münchner Landeshauptstadt erreichen, ist aber noch fraglich. Denn längst bereitet die Polizei [6]Gegenmaßnahmen vor. Nach Innenminister Beckstein sind "für die polizeilichen Maßnahmen im Zusammenhang mit der Sicherheitskonferenz der Einsatz von rund 3.000 Polizeibeamten vorgesehen, darunter mindestens 12 Hundertschaften Unterstützungskräfte von Bund und Ländern. Die Präsidien der bayerischen Landespolizei sind angewiesen, die Schleierfahndungsmaßnahmen im Vorfeld der Sicherheitskonferenz zu intensivieren und die Anreise gewaltbereiter Personen aus dem Ausland bereits frühzeitig zu unterbinden. An den Hauptzufahrtsstraßen zur Landeshauptstadt München wird die Polizei Busse und Pkws kontrollieren, um Waffen bzw. gefährliche Gegenstände frühzeitig sicherzustellen und gewaltbereite Demonstrationsteilnehmer möglichst in Unterbindungsgewahrsam zu nehmen."
Zur Zeit denke man noch nicht daran, dass Schengener Abkommen für die Zeit der Sicherheitskonferenz außer Kraft zu setzen, heißt es aus Münchner Polizeikreisen. Ob auch gegen vermeintliche Störer aus Deutschland Aufenthaltsverbote in Bayern ausgesprochen werden sollen, ist noch unklar. In der letzten Zeit gehörten Maßnahmen dieser Art wie Ausreiseverbote bei großen Protesten zum Repertoire der Polizei ( [7]Unterschiedliche Reaktionen auf Ausreisebeschränkungen).
Druck auf Münchner Initiativen
In der bayerischen Hauptstadt beklagen die Kritiker der Sicherheitskonferenz zunehmende Einschüchterungen und Drohungen, die eher an einen Obrigkeitsstaat als an eine Demokratie erinnern. So entzog die Münchner Universität die schon zugesagten Räume für eine Großveranstaltung, die sich mit der Natopolitik in verschiedenen Ländern auseinandersetzen soll. Die Veranstalter haben jetzt das Haus des Deutschen Gewerkschaftsbundes angemietet. Mittlerweile wurde von der Stadtsparkasse München ein Solidaritätskonto für die Proteste eingefroren. Kultureinrichtungen erhielten Anrufe von der Polizei, in denen ihnen mit Konsequenzen gedroht wurden, wenn sie sich an Aktionen gegen die Sicherheitskonferenz beteiligten, Solidaritätskonzerte veranstalten oder Protestflugblätter auslegen. Von diesen Einschüchterungen ist unter Anderem der Eine-Welt-Laden und das Cafe Kult betroffen. Die Einrichtungen befürchten, dass ihnen jegliche finanzielle Unterstützung entzogen wird, wenn sie sich nicht den Willen der Politiker fügen.
Dieser Druck zeigt Wirkung. So [8]durften bei Veranstaltungen über die "Neue Nato-Strategie und die Rolle der Nichtregierungsorganisationen" am 17.Oktober im Eine-Welt-Haus die geplanten Proteste gegen die Sicherheitskonferenz mit keinem Wort erwähnt werden. Selbst Schlafplätze für auswärtige Demonstranten wird es in der bayerischenHauptstadt nicht geben. Alle öffentlichen Räumlichkeiten wie Turnhallen wurden von der Stadtverwaltung verweigert. Selbst in Genua war es noch üblich, dass den Protestieren günstige Übernachtungsmöglichkeiten zur Verfügung gestellt wurden. Lediglich der ultrarechte Bürgermeister von Nizza reagierte bei den Protesten gegen den EU-Gipfel im Dezember 2000 ähnlich rigoros wie die Münchner Verantwortlichen.
In Bayern wird die harte Linie sowohl von der SPD geführten Stadtregierung als auch von der CSU-geführten Landesregierung getragen. Beide überbieten sich mit Law and Order-Parolen. Schließlich sind in wenigen Wochen in Bayern Kommunalwahlen und CDU/CSU-Kandidat Edmund Stoiber will seinen Wahlkampfstart sicher nicht von Unruhen in seiner politischen Heimat München überschatten lassen. |