|
Telepolis16.02.2003 Antikriegsbewegung: Quo vadis?
Peter Nowak
Nach der Großdemonstration vom Wochenende stellt sich die Frage nach der Perspektive der neuen Antikriegsbewegung in Deutschland
Zeitweise ging nichts mehr am Samstag Nachmittag in Berlins Innenstadt. Die Menschenmassen, die gegen einen Irakkrieg demonstrierten, die Teilnehmerzahlen schwanken [1] zwischen 100.000 und 500.000, wichen in Nebenstraßen aus, so dass die gesamte Innenstadt in der Hand der Kriegsgegner war. Daher bestimmte auch Zufriedenheit mit dem Verlauf des Tages die Debatte prominenter Kriegsgegner, die sich am Samstagabend mit der Frage beschäftigten, welche Perspektive die reaktivierte Antikriegsbewegung haben soll.
Die Diskussion fand im Rahmen der ebenfalls reaktivierten Initiative Künstler in Aktion/ Künstler für den Frieden [2] statt. Selbst unter dem Eindruck der Großaktion mischten sich Fragen und Zweifel über die Kontinuität der Bewegung in die Statements. So merkte der langjährige Mentor der christlichen Friedensbewegung Heinrich Fink [3] kritisch an, dass ein Teil der Demonstranten am Samstag ohne den kriegskritischen Diskurs der Bundesregierung nicht auf die Straße gegangen wäre.
Nicht wenige Parolen scheinen diese Einschätzung zu bestätigen, die am Podium von der ostdeutschen Schriftstellerin Daniela Dahn unterstützt wurde. Mit ihrem vom Weltsozialforum von Porto Alegre [4] importierten Vorschlag, Waren und Filme aus den USA zeitweise zu boykottieren, bekam sie nur von einer Minderheit Applaus.
Die Mehrheit hielt es mit dem Buchautor und Journalisten Jürgen Elsässer [5], der in einem Umstieg von Mac Donald zu Wienerwald keinen Beitrag zur Kriegsverhinderung sah. Unter großen Beifall rief er die Antikriegsbewegung auf, vom Protest zum Widerstand zu gehen und dabei neben Militäranlagen auch wieder die Springerpresse zu boykottieren, die wie in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts auch heute wieder Kriegspropaganda betreibe.
Diese Differenzen, die in der abendlichen Debatte nur angerissen wurden, dürften die Antikriegsbewegung in der nächsten Zeit beschäftigen. Die Frage, ob sie der Regierung den Rücken stärken soll, ist in der buntscheckigen Bewegung äußerst umstritten. Vor allem linke Gruppen bestehen auf einer Distanz zur eigenen Regierung. Sie interpretieren die Politik von Bundeskanzler Schröder nicht als Ausdruck gesteigerter Friedensliebe, sondern der Vertretung eigenständiger deutscher Interessen und verweisen auf das militärische Engagement der Bundesrepublik in Jugoslawien vor wenigen Jahren. Einige linke Splittergruppen [6], die noch gegen ein Engagement Deutschlands auf den Balkan auf die Straße gegangen sind, sehen die Antikriegsbewegung gar als Feind und haben sich auf die Seite der USA geschlagen.
Links
[1] http://archiv.tagesspiegel.de/archiv/16.02.2003/441130.asp [2] http://www.helle-panke.de/kuenstlerinnen_u_kuenstler.htm [3] http://www.bundestag.de/mdb14/bio/F/fink_he0.html [4] http://www.portoalegre2003.org [5] http://www.juergen-elsaesser.de/ [6] http://antideutsch.ecommunics.org |