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ND 01.03.04Songs und Streitgespräche gegen Elend und Glatzenterror Notizen vom Festival »Musik und Politik«, einst Politisches Lied geheißen
Von Peter Nowak Anschwellender Protestgesang« war vor einigen Wochen ein Bericht über die Studierendenproteste in Berlin überschrieben. Es wäre auch ein guter Titel für das diesjährige Festival »Musik und Politik« in Berlin gewesen, das am vergangenen Mittwoch im Kulturhaus Wabe mit einer Kabaretteinlage begann und am Sonntagabend am selben Ort mit dem Auftritt der israelisch-britischen Band »The Orient House Ensemble« zu Ende ging. Dazwischen lag ein facettenreiches Kulturprogramm an mehreren Berliner Kulturstätten. Zu den musikalischen Höhepunkten zählten zweifellos die aus der Hamburger Punkszene stammenden »Goldenen Zitronen« und die in wallenden afrikanischen Gewändern auftretende senegalesische Rap-Combo »Daara J«. Doch »Musik und Politik«, einst Festival des Politischen Liedes geheißen, war schon immer mehr als eine Ansammlung ausverkaufter Konzerte. Wer sich in den letzten Tagen auf dem Gelände der Wabe tummelte, konnte den speziellen Reiz des Festivals erleben. Dazu gehörten auch die unterschiedlichen Diskussionsrunden. Am Mittwoch informierte Hannes Loh in einer knapp einstündigen Multimediashow über »HipHop zwischen Weltkultur und Nazirap«. Der ehemalige Frontmann der linken Formation Anarchist Academy und heutige Deutschlehrer Loh zeigte an Textbeispielen, wie die rechte Szene im Internet eifrig über nationalen HipHop diskutiert. Doch mehr noch dominieren die Texte scheinbar unpolitischer HipHopper, die sich vermeintlich unbefangen auf ihr Deutschsein berufen, jedoch recht aggressive deutschnationale Töne anstimmen und gegen Minderheiten aller Art hetzen. Während der Festivaltage wurde die Ausstellung »Burg Waldeck und die Folgen« gezeigt. Sie dokumentiert die Geschichte eines kulturellen Ereignisses, das vor nunmehr 40 Jahren begann und nicht unwesentlich zur Überwindung der restaurativen Nachkriegsgesellschaft in der Bundesrepublik beigetragen haben dürfte. Die Burg Waldeck-Festivals endeten 1970 auf dem Höhepunkt der außerparlamentarischen Bewegung, die sich neue Kulturformen schuf. Heute soll die Burg-Waldeck-Tradition von linken Inhalten gereinigt für einen nationalen Diskurs geöffnet werden, worauf der Liedermacher Franz-Josef Degenhardt in einen in der Ausstellung ausgehängten Brief hinwies. Nationalismus und Deutschtümelei waren Themen, die auf dem Festival immer wieder eine Rolle spielten. So kritisierten Diskutanten, dass im Programmheft des Festivals der Song »Weltweit« des engagierten HipHoppers Mellow Mark abgedruckt wurde. Denn dieser bediene ihrer Meinung nach einen kulturellen Antiamerikanismus und kritisiere nicht explizit die US-Politik, lautete der Vorwurf. Das Thema Nationalismus spielte auch bei der Diskussionsrunde »Engagiertes Lied ohne Lobby?« am Samstagnachmittag in der vollbesetzten Wabe eine Rolle. Ob die Veranstalter gut beraten waren, den Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse mit aufs Podium zu bitten, darf bezweifelt werden. Mit einem solch hochrangigen Politiker zu Gast verlor sich die Runde doch recht schnell im allgemeinen Lamento über die gnadenlosen Marktgesetze, die der Kultur so arg zusetzen. Auch beklagte Thierse die Dominanz »angloamerikanischer Popmusik«. Lediglich Mellow Mark und die Schriftstellerin Manja Prökels sprachen über die realen Schwierigkeiten engagierter sozialkritischer Kunst. Prökels ist Mitarbeiterin des »Singenden Tresens«, des wohl gewöhnlichsten Musikprojekts des Festivals. Die in der Tradition der Straßenmusik agierenden Künstler haben sich beim Tresendienst in der linken Berliner Kneipe »Fischladen« kennen gelernt. »Ich thematisiere Elend, Verblödung, Glatzenterror, Neonazitum - die verheerenden Verhältnisse der Nachwendezeit«, beschrieb Prökels ihr Anliegen. Ganz anderer Art ist, was das Electronic-Musiktheater TEXTxtnd präsentiert. In knapp einstündiger Aufführung dekonstruierte es Arbeiterlieder. Dessen in der Tradition der linken Avantgarde der frühen Sowjetunion stehende Arbeit wurde allerdings durch die betont bildungsbürgerliche Attitüde der beiden Künstler während der nachfolgenden Diskussion konterkariert, in der diese sich auf den Standpunkt der Ästheten zurückzogen, Politik den Politikern überlassen wollten. Mitternächtlich spät wurde am Samstag noch sehr ausführlich und hitzig über die globalisierungskritische Organisation Attac diskutiert. Peter Wahl vom Attac-Koordinierungskreis und Davide Brochi von Kulturattac wurden mit der - sich ebenfalls links verstehenden - Kritik des Ökoanarchisten Jörg Bergstedt und des Kreuzberger Solid-Vertreters Arian Wendel konfrontiert. Attac sei im Wesentlichen eine virtuelle Opposition, die von den Medien aufgebaut worden sei, lautete deren Einwand. Eine Kritik, der auch der Soziologieprofessor Roland Roth eine gewisse Plausibilität nicht ganz absprechen konnte. Ansonsten aber attestierte der Wissenschaftler der Organisation eine wichtige Katalysatorenrolle für eine neue linke Opposition. Das Festival präsentierte sich in diesem Jahr sowohl auf der Ebene der Diskussion wie auch auf musikalischer wesentlich experimenteller und avantgardistischer als im letzten Jahr. Das lag sicher auch an den größeren finanziellen Mitteln, die u.a. durch die Bundeszentrale für politische Bildung zur Verfügung gestellt wurden. Aber auch die »Auffrischung« der Festivalcrew mit neuen und jüngeren Menschen machte sich bemerkbar. Das Festival scheint nach verzweifelter Perspektivsuche in den 90er Jahren nun seinen Ort gefunden zu haben. Allerdings sollte es seine Freunde nicht vergessen. Lange Jahre hatte es hauptsächlich die Tageszeitungen »junge welt« und »Neues Deutschland« als Medienpartner. In dieser Zeit wurde es von den anderen Medien entweder gar nicht erwähnt oder als »ostalgisches Relikt aus der untergegangenen DDR« tot geschrieben. Mittlerweile jedoch scheinen diese ihren Irrtum erkannt zu haben. In diesem Jahr jedenfalls war »die tageszeitung« Partner des Festivals. Die Redaktion hatte sich allerdings ausbedungen, dass keine andere überregionale Tageszeitung mit im Boot sein darf. So kam es, dass ausgerechnet jene, die dem Festival in schweren Zeiten die Treue gehalten hatten, in diesem Jahr nicht mit von der Partie waren. |