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FR vom 3.6.04 Der Fall Kaplan als Spielball konservativer Medien und Politiker
VON PETER NOWAK "Er predigt Terror und Hass. Er ruft zum Mord auf. Er ist ein Sozialhilfebetrüger." "Hassprediger verspottet uns alle", "Was plant er jetzt im Untergrund?", "Immer mehr gesetzestreue Bürger fragen sich inzwischen: Warum verhaftet niemand den Verbrecher?" Das waren nur einige der Schlagzeilen aus der Bild der vergangenen Tage. Es ging um die angebliche Flucht des Metin Kaplan, der auch Kalif von Köln genannt wird. Auch die konservativen Politiker waren sich in den letzten Tagen fast unisono einig: Kaplan hält Polizei und Behörden zum Narren und muss, wenn er schon nicht sofort ausgewiesen werden kann, zumindest wieder festgenommen werden. Der Unionspolitiker Wolfgang Bosbach brachte gleich die Sicherungsverwahrung wieder ins Gespräch: Der Fall Kaplan zeige, dass für so genannte Top-Gefährder in Deutschland, die nach geltendem Recht nicht ausgewiesen werden können, andere rechtliche Instrumente geschaffen werden müssten. Die Alternative könne nicht sein, dass solche Personen wie Kaplan "frei herumlaufen, wenn man sie nicht abschieben kann". Hessens Ministerpräsident Roland Koch forderte mit Blick auf den Fall Kaplan in einem Interview mit dem Deutschlandfunk ebenfalls schärfere Gesetze, Hausarrest und Sicherheitsgewahrsam. Niedersachsens CDU-Innenminister Schünemann brachte die elektronische Fußfessel wieder ins Gesprächs. Auch der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber kannte keine Gewaltenteilung mehr, als er die schnelle Ausweisung von Kaplan und den Mitgliedern seiner Organisation forderte, nötigenfalls müsse eine "Lex Kaplan" geschaffen werden. Stoiber stellte in der Bild am Sonntag auch ein Junktim zwischen dem gerade zwischen Bundesregierung und konservativer Opposition in den Grundzügen ausgehandelten Zuwanderungsgesetz und dem Fall Kaplan her. Er wolle seine Unterschrift nur unter das Zuwanderungsgesetz setzen, wenn mit Leuten wie Metin Kaplan "kurzer Prozess" gemacht werde. Von Gerechtigkeit war keine Rede. Nur wenige Medien teilten ihren Lesern mit, dass der Fall Kaplan eigentlich nur eine Inszenierung war, bei der sich einige Medien und Politiker gegenseitig die Bälle zuspielten. Denn Kaplan hielt sich aller längst nicht nur auf die Springerpresse beschränkten Medienspekulationen zum Trotz weder im Untergrund noch im Ausland auf. Er hatte nicht einmal gegen ein Gesetz verstoßen, was Otto Diederichs in einem Kommentar für die Tageszeitung (taz) auf den Punkt brachte: "Doch was ist wirklich geschehen? Ein zur Abschiebung Vorgesehener, der bislang alle behördlichen Auflagen erfüllt hat, ist zum Zeitpunkt seiner geplanten Ingewahrsamnahme nicht daheim. Das musste er auch nicht." So war es auch nicht verwunderlich, dass er nach seiner termingerechten polizeilichen Meldung am Dienstag wieder auf freien Fuß gesetzt wurde, wenn auch mit strengeren Meldeauflagen. Im Gegensatz zu dem Rauschen im deutschen Blätterwald haben die türkischen Medien betont sachlich über den Fall Kaplan berichtet. Sie halten den Anführer des Kalifenstaates eher für einen armen Irren als für einen gefährlichen politischen Gegner. Doch das Ziel des Pfingsttheaters um den Operettenkaplan aus Köln hat in Deutschland sein Ziel schon erreicht. Das Zuwanderungsgesetz soll noch weiter verschärft werden. Nicht die Kritiker aus Flüchtlings- und Menschenrechtsinitiativen, sondern konservative Politiker und die ihnen wohlgesonnen bestimmen augenblicklich die Diskussion. |