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ND 28.12.04Angst, Arbeitsstress und Selbstvertrauen Polnische Arbeiter berichteten über ihre Lage
Von Peter Nowak Auf Einladung des Ost-West-Arbeitskreises der grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung berichteten kürzlich Arbeiter aus polnischen Industrieregionen über ihre Situation. Die kurze EU-Mitgliedschaft des Nachbarlandes Polen wird von vielen Zeitungen schon als Erfolgsgeschichte gefeiert. Die Wirtschaft floriere, die polnische Industrie könne sich behaupten. Selbst die heimischen EU-Kritiker würden verstummen, so lauten die Meldungen. Nur beiläufig wird erwähnt, dass sich die große Mehrheit der Polen von diesen guten Wirtschaftsdaten bisher wenig kaufen kann. Mit dem Titel der Veranstaltung »Streiks, Besetzungen, Aneignung - die neuen Klassenkämpfe in Polen« lag die Böll-Stiftung so falsch nicht. Der Arbeitsmarkt ist trotz anziehender Konjunktur bisher kaum entlastet. Mit einer offiziellen Arbeitslosigkeit von 20 Prozent gehört Polen zu den Spitzenreitern in der EU. In manchen Regionen sind bis zu 30 Prozent der Bewohner ohne Arbeit. Besonders die Jugend ist betroffen. Zudem sind die Preise auch für Grundnahrungsmittel in den letzten Jahren stark gestiegen. Die Wohnungsmieten vor allem in den größeren Städten ziehen kräftig an. Verständlich, dass bei den von der Stiftung eingeladenen Arbeitern viel von der Angst um die Zukunft die Rede war. »Die Arbeitgeber können mit uns machen, was sie wollen«, fasste ein Arbeiter aus einer Poznaner Reifenfabrik die Stimmung zusammen. Das Werk biete zur Zeit noch 1500 Arbeitsplätze, doch immer wieder komme es zu Entlassungen. Davon seien gerade diejenigen betroffen, die gegen die Leitung aufbegehrt hätten. Auch der Arbeitsstress steige. Die Belegschaft wisse, dass sie von der Betriebsleitung bei der Arbeit mit Kameras beobachtet wird. Sind die Chefs mit der Leistung eines Kollegen nicht zufrieden, würden ihm dann Filmausschnitte vorgespielt. Über ähnliche Zustände hatte auch ein Kollege aus dem oberschlesischen Glashüttengewerbe zu berichten. Die Zahl der Arbeitsplätze in dieser Branche habe sich in den letzten Jahren halbiert. Von gewerkschaftlicher Gegenwehr sei wenig zu bemerken. Als sich die »Solidarnosc 80«, die sich von der offiziellen Solidarnosc-Bewegung abgespalten hatte, für Arbeiterrechte zu engagieren begann, drohte die Werksleitung den Gewerkschaftern, sie müssten in Zukunft die Miete für ihre Räume und auch Telefon- und Stromkosten selbst bezahlen. Daraufhin sei das Engagement erloschen. Nach Berlin aus dem niederschlesischen Walbrzych waren auch Gregorij Walowski und Roman Janislek gekommen - für die Organisation »Biedaszyby«, was übersetzt »Armer Stollen« heißt. Dort haben sich etwa 2000 Menschen mit dem Ziel zusammengeschlossen, eine von den Unternehmern aufgegebene Kohlengrube weiter zu betreiben. Die Finanzen brachten die Kumpel in Eigeninitiative auf, von der wirtschaftlichen Rentabilität ihres Projekts sind sie überzeugt. Doch die staatlichen Stellen haben sich bisher nicht positiv zu diesen Bemühungen geäußert. |