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TELEPOLIS07.10.2004 Geduldsproben für Ankara
Peter Nowak Die EU-Kommission empfiehlt die Aufnahme von Verhandlungen mit der Türkei, in den EU-Ländern wird über einen möglichen Beitritt kontrovers diskutiert Eine Überraschung war das Ergebnis nicht mehr, dass die EU-Kommission am Mittwoch verkündete [1]. Der EU wurde die Aufnahme von Verhandlungen empfohlen [2], die in der Zukunft zu einer Mitgliedschaft führen könnte. Normalerweise finden Entscheidungen auf EU-Ebene wenig Aufmerksamkeit in der deutschen Öffentlichkeit. Doch die Frage, ob mit der Türkei Verhaltungen eingeleitet werden sollen, die eine Aufnahme in die EU zum Ziel haben könnten, beschäftigte wochenlang die politische Landschaft in Deutschland. Die CDU/CSU gehört mehrheitlich eindeutig zu den Gegnern einer Türkeiaufnahme und setzte stattdessen auf das Konstrukt der privilegierten Beziehungen. Dafür rührte CDU-Chefin Merkel noch vor wenigen Wochen die Werbetrommel bei den konservativen und christdemokratischen Schwesternparteien in der EU. Allerdings gab es einige CDU-Prominente, wie der ehemalige Verteidigungsminister Rühe, die sich für einen EU-Beitritt ausgesprochen hatten. Umgekehrt ist die Situation in der SPD. Während sich die Regierung eindeutig auf Beitrittsverhandlungen festgelegt hat, gab es an der Parteibasis durchaus Gegenstimmen. Ähnlich kontrovers ist die Situationen in anderen EU-Staaten. In Frankreich hat die Frage sogar zu einer Spaltung innerhalb des Regierungslagers geführt. Während Präsident Chirac für den Beitritt ist, lehnt seine Partei diesen Schritt ab. Mittlerweile sah sich Chirac gezwungen, ein Referendum über den endgültigen Beitritt anzukündigen [3]. Aktuelle Meinungsumfragen sagen zur Zeit eine deutliche Mehrheit der Gegner voraus. Ein solches Ergebnis könnten die EU in eine Krise stürzen. Denn dabei geht es nicht nur um die Türkei. Kann die Mehrheit in einem EU-Land darüber entscheiden, ob weitere Mitglieder aufgenommen werden? Doch das französische Referendum, dass durchaus auch in anderen Ländern Nachahmer finden könnte, ist nur ein Stolperstein bis hin zu einer EU-Mitgliedschaft des Landes am Bosporus. Denn die EU-Kommission hat ein deutliches "Ja, aber" empfohlen. "Die Türkei muss vor einem Beitritt eine Reihe von strengen Auflagen erfüllen", erklärt EU-Agrarkommissar Franz Fischler. Die Empfehlung stehe unter Vorbehalten und müsse nicht zwangsläufig zu einem positiven Ergebnis für die Türkei führen, sekundierte ihm EU-Kommissionspräsident Romano Prodi. Die Verhandlungen können jeder Zeit ausgesetzt werden, wenn der Reformprozess nicht konsequent fortgesetzt wird. Außerdem müsse es Schutzklauseln wegen möglicherweise anfallender hoher Kosten geben. Auch eine Bestimmung, die die Zuzugsmöglichkeiten von türkischen Staatsbürgern in EU-Länder einschränken soll, ist schon im Gespräch. 10.000 Kilometer fehlende Autobahnkilometer Die Gründe für ein Ja oder Nein zum EU-Beitritt sind in den einzelnen EU-Ländern durchaus vielfältig, so dass es zu erstaunlichen Koalitionen kommt. So sprechen sich führende Wirtschaftskreise in Deutschland für einen schnellen Beitritt aus und befinden sich in dieser Frage im Dissens mit der CDU/CSU-Führung, die sich bei ihren negativen Votum eher an kritischen Statements der Kirchenführungen orientiert. Die deutsche Industrie lässt sich bei ihrer Pro-EU-Position dagegen eher von merkantilen Erwägungen leiten. Bei einem EU-Beitritt könnte die Türkei zu einem "Eldorado für Europas Großindustrie" werden, schwärmt der liberale Ex-Abgeordnete Bülent Akarcali, der für das türkische Parlament Kontakte zur EU unterhielt. "10.000 fehlende Autobahnkilometer" habe das Land zu bieten, drei Viertel der 20 Millionen Häuser und Wohnungen seien "dringend sanierungsbedürftig". Der türkische Wirtschaftswissenschaftler Asaf Savas Akat bescheinigt seinem Land sogar das Potenzial eines zukünftigen "Tigerstaats des Mittelmeers". Die deutsche Industrie mit ihren traditionell guten Kontakten in die Türkei erhofft sich hier eine gute Ausgangsposition. Solche Erwägungen dürften auch für das Pro-Türkei-Engagement von Italiens Ministerpräsident Berlusconi verantwortlich sein. Außerdem dürfte auch seine guten Beziehungen zur US-Regierung eine Rolle gespielt haben. Die USA drängt schon lange ganz offen auf eine Aufnahme der Türkei in die EU. Die Empfehlung der EU-Kommission, die voraussichtlich beim Gipfel der europäischen Staats- und Regierungschefs am 17.Dezember in Brüssel zur Leitlinie der EU-Politik wird, ist allerdings für die Türkei alles andere als ein Sieg, auch wenn es der türkische Ministerpräsident Erdogan sicherlich so verkaufen wird. Denn in den nächsten Jahren wird die Türkei unter Dauerbeobachtung der EU stehen. Sollten der Verhandlungen ins Stocken kommen, werden die EU-Staaten immer der Türkei die Verantwortung zuschieben. Dass es dabei längst nicht nur um die Menschenrechte [4] geht, zeigte sich schon in den letzten Wochen. Selbst die Zypernfrage wurde da fast wieder zum Stolperstein. Auf einer Konferenz sollte die bisher nur von der Türkei anerkannte Republik Nordzypern mit einen Schild als eigener Staat firmieren. Auch in dieser Frage knickte die türkische Regierung vor dem Druck aus Brüssel schnell ein. Die Frage nach der Geduld der Türkei dürfte sich aber durchaus stellen, wenn sich dieses Prozedere in Zukunft wiederholt. Vor einigen Tagen warnte der türkische Außenminister Abdullah Gül schon vor einer möglichen negativen Sonderbehandlung der Türkei durch die Europäische Union.
Links
[1] http://europa.eu.int/rapid/pressReleasesAction.do?reference=IP/04/1180&f ormat=HTML&aged=0&language=en&guiLanguage=en [2] http://www.ftd.de/pw/eu/1096704943299.html?nv=hptn [3] http://www.faz.net/s/RubDDBDABB9457A437BAA85A49C26FB23A0/Doc~EF3E47C6A63 9F4BBBA7E8FBC721337F7E~ATpl~Ecommon~Scontent.html [4] http://europa.eu.int/comm/enlargement/ report_2003/pdf/rr_tk_final_de.pdf |