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TELEPOLISvom 22.11.05Große Harmonie Peter Nowak Angela Merkel ist Bundeskanzlerin, der Erwartungsdruck ist groß und könnte elitäre Entschedungsstrukturen fördern Gestern schien in Berlin für einen Tag die große Harmonie ausgebrochen. Selbst Gerhard Schröder fand in der Stunde seines Abgangs nur noch warme Worte für seine Nachfolgerin Angela Merkel. Vergessen sind die Szenen von vor knapp acht Wochen, als eben dieser Gerhard Schröder kategorisch ausgeschlossen hat, dass Merkel mit den Stimmen der Sozialdemokraten Kanzlerin werden kann. Schon zuvor war SPD-Vorstandsmitglied Ludwig Stiegler zurück gerudert. Auch er hatte noch vor wenigen Wochen eine Kanzlerin Merkel als Träumerei bezeichnet. Dass dann ausgerechnet Stiegler vor wenigen Tagen noch einmal vehement für die Wahl von Merkel trommelte, war der Angst geschuldet, dass zu viele Nein Stimmen aus der großen Koalition einen schlechten Eindruck beim Durchstarten machen könnten. Tatsächlich haben bei der Abstimmung 51 Abgeordnete von CDU/CSU oder SPD Merkel die Stimme verweigert. Mit dem Ergebnis kann Merkel leben. Schließlich verweigerten den ersten Kanzler einer großen Koalition Kurt Georg Kiesinger gleich 100 Koalitionäre die Zustimmung. Andererseits gaben die 51 Nein-Stimmen der FDP Gelegenheit, von mangelnder Geschlossenheit der großen Koalition gleich bei ihrem Start zu warnen, da noch eine unabsehbare Fülle von Problemen und strittigen Fragen auf die Koalitionäre zukomme. Die letzten Tage vor der Kanzlerwahl haben einen Vorgeschmack darauf gegeben. Da leisteten sich die Koalitionäre noch vor der Trauung einen handfesten Krach um die Pläne zur Kürzunge des Weihnachtsgeldes für Beamte. Einen Tag verkrachte man sich über die Gesundheitsreform, nachdem Gesundheitsministerin Ulla Schmidt gegen die Benachteiligung von Kassenpatienten Front gemacht hat und einige Unionspolitiker sogleich unisono mit konservativen Ärzteverbänden vor sozialistischer Gleichmacherei im Gesundheitswesen gewarnt haben ( Klassenkampf im Krankenhaus (1)). Schon warnten Unionspolitiker, dass die Frage der Gesundheitsreform, die von der Verhandlungskommission bisher ausgeklammert wurde, eine Sollbruchstelle für eine große Koalition werden könnte. Bei diesen beiden Streitpunkten ist eher interessant zu beobachten, wie schnell die Regierungsparteien auf Druck unterschiedlicher Interessengruppen reagieren und der andere Seite den Schwarzen Peter zuschieben. Allerdings sollte man auch nicht den Fehler machen, jeden Streit im Regierungslager zu einer beginnenden Koalitionskrise aufzubauschen. Schließlich darf man nicht vergessen, wie schwer sich die Partner der rot-grünen Koalition zu Beginn ihrer ersten und zweiten Legislaturperiode getan haben. Beobachter haben allgemein von einem Fehlstart gesprochen. Der Traum vom Durchregieren Im Gegenteil könnte der Hang mancher Kommentatoren in jeder Auseinandersetzung und Diskussion Vorboten einer Krise zu sehen, eher zur weiteren Entdemokratisierung beitragen. Schließlich lebt Demokratie von offenem Streit und Disput. Doch für einen großen Teil der veröffentlichten Meinung handelt sich um Störungen beim reibungslosen Durchregieren. Schon meldeten sich wissenschaftliche Politikberater zu Wort, die sich für das Durchregieren in elitären Zirkeln aussprechen. So schrieb (2) der Göttinger Politikprofessor Franz Walter ganz offen: --Der Erwartungsdruck der Wahlbürger ist gering. Sie wollen, dass effizient und lösungsbezogen regiert wird.-- Für Walter müssen für dafür grundlegende demokratische Essentials über Bord geworfen werden. --Würde man unter den idealtypisch optimalen Demokratiebedingungen - uneingeschränkte Transparenz, kritisch intervenierende Öffentlichkeit, beteiligungsintensive Basis - einen großkoalitionären Ausgleich suchen, dann könnte man es auch gleich sein lassen, weil ein vernünftiges Ergebnis so nicht zu erzielen ist.-- Wohlgemerkt kommt dieses Lob der elitären Entscheidungsstrukturen ohne lästige Mitspracherechte von liberaler Seite und soll in der Zeitschrift (3) der den Menschenrechten verpflichtenden Humanistischen Union (4) veröffentlicht werden. Walter spricht nur aus, was viele Interessengruppen aus Politik und Wirtschaft schon lange fordern. Es soll mehr und schneller regiert werden, da müssen Mitspracherechte von Gewerkschaften oder Einsprüche von Umweltschutzgruppen bei bestimmten Industrieansiedlungen etc. schon mal warten. Hier könnte die große Koalition jenseits allen Dissens in vielen Sachfragen deutliche Spuren hinterlassen.
LINKS
(1) http://www.telepolis.de/r4/artikel/21/21394/1.html (2) http://www.fr-aktuell.de/ressorts/nachrichten_und_politik/dokumentation/ ?cnt=760454& (3) http://vorgaenge.humanistische-union.de/170/ (4) http://www.humanistische-union.de/ |