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ND16.07.05»Wie hoch war eure Mauer?« Palästinensische Jugendliche zu Besuch in der deutschen Hauptstadt Von Peter Nowak Eine Straßenszene mitten im tiefsten Kreuzberg: Eine Gruppe Jugendlicher mit umgebundenen Palästinensertüchern unterhält sich in arabischer Sprache. Doch es handelt sich nicht um eine der viel zitierten Parallelgesellschaften. Die Jugendlichen kommen gerade aus Palästina. Anstrengende Tage haben sie hinter sich, um vom Westjordanland über Jordanien nach Berlin zu gelangen. Nun sind sie in Kreuzberg, doch scheinbar wieder in der Heimat. Beim ersten Spaziergang durch ein Einkaufszentrum werden sie gleich in perfektem Arabisch angesprochen. Es sind junge Deutsche mit arabischem Hintergrund, die in ihren Elternhäusern noch immer in der Sprache ihrer Eltern reden, die die jungen Gäste freudig begrüßen. Nicht nur sprachlich versteht man sich sofort. Ein guter Einstieg also für eine ungewöhnliche Jugendbegegnung. Eine Woche leben die Gäste aus Palästina mit Kreuzberger Jugendlichen zusammen. Der Jugendaustausch hätte fast nicht stattgefunden. »Im letzten Jahr musste die Reise verschoben werden«, berichtete Projektkoordinator Stephan Clauss. Sie scheiterte an nicht bewilligten Geldern. Dass es in diesem Jahr mit dem Jugendaustausch doch noch klappte, ist vor allem der Geduld der Jugendbildungsstätte Kaubstraße in Berlin und der Bildungs- und Begegnungsstätte »Kurve Wüstrow« in Wüstrow zu verdanken. Beide Einrichtungen wurden 1980 gegründet und widmen sich der Konfliktbewältigung unter Jugendlichen. Schon 1995 wurden Beziehungen nach Palästina geknüpft. So entstanden die Kontakte zur Organisation »Mend«, die sich für Gewaltlosigkeit und Demokratie im Nahen Osten einsetzt. Wer von Konflikten in Palästina hört, wird sofort an die Auseinandersetzung zwischen Palästinensern und Israelis denken. »Das ist zu kurz gedacht«, sagt Bert Schilden von der Jugendbildungsstätte Kaubstraße. Eine derart von Gewalt geprägte Gesellschaft hinterlässt Spuren in allen Familien und natürlich auch unter den Jugendlichen. Wo der Alltag von Soldaten, Gewehren, von Festnahmen und Verhören gekennzeichnet ist, wird Gewalt schnell zum Mittel der Konfliktaustragung. Auch in Kreuzberger Hauptschulen gilt Konfliktbewältigung oft als verpönt. Gewalt wird oft mit Stärke und Männlichkeit gleichgesetzt, weiß Schilden. Hier setzte der deutsch-palästinensische Jugendaustausch an, bei dem Mittel zur gewaltfreien Kommunikation entwickelt wurden. Das Besuchsprogramm war ambitioniert, und vor allem der Besuch des Berliner Mauermuseums in der Bernauer Straße wie auch der im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen hätte schnell zu gravierenden Missverständnissen führen können. Deswegen sollten die Jugendlichen Gelegenheit haben, über das Erfahrene ausführlich zu sprechen. Wer will es den 14- bis 17-Jährigen verdenken, dass sie immer sofort an ihr Zuhause denken und Vergleiche anstellen? Mehrere der jungen Leute leben in Orten, die unmittelbar von der Mauer umgeben sind, die die israelische Regierung seit einiger Zeit baut. Viele Israelis sprechen vom Antiterror-Wall. Die palästinensischen Jugendlichen hingegen reden nur von der Apartheid-Mauer. »Wie hoch war eure Mauer?«, lautet denn auch die Frage einer jungen Frau, und sofort werden beide Mauern verglichen. Bilder vom Wachsen der Mauer im Westjordanland werden herumgereicht, und fast alle Jugendlichen erzählen Geschichten von Verwandten und Freunden, die durch die Sperranlage getrennt wurden. Auch beim Besuch in Sachsenhausen schweifen die Gedanken der Jugendlichen schnell wieder in die Heimat. Der Besuch des ehemaligen Konzentrationslagers hatte das Ziel, auf Deutschlands besondere Verantwortung für den Nahostkonflikt hinzuweisen. Die Jugendlichen waren betroffen über die eindringlich geschilderten Gräuel und Qualen, denen politische Oppositionelle und Juden durch das faschistische Regime ausgesetzt waren. Aber immer wieder fielen den Jugendlichen Vergleiche zur politischen Unterdrückung in ihrer Heimat ein. »Warum verüben die Nachkommen von Menschen, denen so viel Leid angetan wurde, jetzt gegenüber den Palästinensern selber Unrecht?«, fragte ein Mädchen sehr provokant. Wie kann man diesen Jugendlichen erklären, dass ein Konzentrationslager keine normale Haftanstalt ist, dass die politische Unterdrückung in ihrer Heimat nicht mit der Situation in einem KZ zu vergleichen ist? Vor allem aber: Wie soll man ihnen vermitteln, dass viele der in Israel wohnenden Überlebenden und ihre Nachkommen aus der Erfahrung ihrer Entrechtung und Vernichtung die Konsequenz gezogen haben, niemals wieder wehrlos zu sein? Ende der 80er Jahre begann sich eine Gruppe palästinensischer Intellektueller mit dem Holocaust zu befassen. Sie sahen darin einen wichtigen Schlüssel für eine Verständigung und ein friedliches Zusammenleben zwischen Juden und Palästinensern. Wenn man die unterschiedlichen Bilder zum Maßstab nimmt, die die arabischen Jugendlichen nach einem Besuch in Sachsenhausen haben, wird der Weg zu einem friedlichen Zusammenleben noch lange dauern. |